Erinnern Sie sich an den März 2020? Als Axel-Springer-Chef Matthias Döpfner in einem Kommentar zur Corona-Krise schrieb: “Shutdown. Pause. Mut. Kaum Kontakt. Atem anhalten. Ruhe. Vakuum. Nichts. Für kurze Zeit, wenige Wochen. Das können wir packen.” Aus den “wenigen Wochen” wurde ein Jahr. Ende? Nicht in Sicht. Erinnern Sie sich auch, wie wir alle immer mal wieder geschimpft haben? “Keine Lust, ins Büro zu gehen”, “Würde jetzt wirklich gern von zu Hause arbeiten”, “Ich kann das hier viel besser erledigen/ mich besser konzentrieren/ stehe nicht im Stau/ spare Zeit”, et cetera pp. …

Inzwischen, nach einem Jahr “Zwangs”-Homeoffice, wissen viele, wie sich das anfühlt, das Büro zu Hause: Die Arbeit in Form von Papieren und Laptops, die sich in der Küche, im Esszimmer oder überall in der Wohnung befinden; Zoom-Meetings, die uns klarmachen, wie abhängig wir von unserem WLAN sind, die Schwierigkeiten, Privates von der Arbeit zu trennen, plus: Es ist alles nicht weniger geworden. Dass die Nachbarn die Corona-Zeit zum Umbau der Wohnung nutzen und wir nun den ganzen Tag die Handwerker-Geräusche ertragen müssen, zehrt obendrein am eh schon fragilen Nervenkostüm.

Plötzlich verspüren wir Sehnsucht nach der Zeit, die man oder frau morgens und auf dem Heimweg allein im Auto oder der Bahn verbracht hat, sie erscheint uns plötzlich wertvoll. Wo können wir sonst richtig laut Musik hören? Zu Hause ja nicht, da sitzen die anderen und haben ein Zoom-Meeting, die Clubs sind zu. Und die Telefonate, die wir im Auto erledigt haben, herrlich! Vom Versicherungsvertreter bis zur Oma, Lehrergespräch und Freundin, wir waren ja nicht untätig in diesen Momenten. Effizient! Und wenn das nicht, dann war der Weg zur Arbeit auf dem Fahrrad zumindest so etwas wie eine sportliche Ertüchtigung.

Natürlich gibt es auch Leute, die behaupten, dass ihnen die Kollegen fehlen. Zugegeben, das hat man noch nicht so oft gehört. Doch, Martin Eckert zum Beispiel, Vorstand bei Vorwerk Deutschland, sagt im Gespräch mit ntv.de: “Ich bin gerne im Büro, weil ich dort direkter mit den Mitarbeitern kommunizieren kann. Ich mag Menschen, und dazu gehört für mich eine physische Präsenz. Ein Zoom-Call oder Ähnliches ist nicht zu vergleichen mit einem persönlichen Gespräch.”

Sicher, es hat auch Vorteile, in Zukunft nicht mehr überall präsent sein zu müssen, aber Eckert fragt sich, wie man zum Beispiel Einstellungsgespräche führt: “Wie soll man merken, ob die Chemie stimmt? Oder Beratungsgespräche – man zeigt ja auch gern mal dem Kunden direkt, wie etwas funktioniert. Das ist schon was anderes, ob ich einen Thermomix nur auf dem Computer sehe oder den auch höre. Und auch die Haptik eines Gerätes ist nicht unwichtig.” Eckert vermisst also die direkte Kommunikation mit Menschen.

Und noch einen Punkt spricht er an: “Homeoffice hatte bis vor Corona ja den Nimbus, dass da einer zu Hause hockt und sich gar nicht so richtig der Arbeit widmet. Das war für Arbeitgeber, glaube ich, oft schwer einzuschätzen. Das hat sich zum Glück geändert.”

Spaltet Homeoffice die Gesellschaft?

Auch an der Technischen Universität Darmstadt haben sich Forschende die aufkommenden Fragen zum Thema Homeoffice gestellt. Denn ob man im Homeoffice erfolgreich arbeiten kann, hängt weniger vom Job selbst als von der Wohnsituation der Menschen ab. Das ist das Ergebnis der thematisch breit angelegten Befragung, mit der die Wirtschaftswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler der TU Darmstadt die Situation von Beschäftigten sowie Chancen und Risiken des Homeoffice untersuchten. Eine der Thesen: Eine breite Einführung des Homeoffice hat das Potenzial, die Gesellschaft zu spalten.

Denn kaum war der erste Lockdown verhängt, kaum hatten Arbeitgeber und -nehmer verstanden, dass ab jetzt so ziemlich alles anders sein würde, da machten sich die Forschenden der TU Darmstadt an die Arbeit, natürlich im Homeoffice, und sie fragten: Wie und wo wird zu Hause gearbeitet? Wie nehmen Beschäftigte die Arbeit zu Hause wahr? Wie produktiv ist die Arbeit im Homeoffice und was entscheidet über deren Erfolg? Da gibt es hier die einen, die das können: Studenten, Schüler, Vorgesetzte, Büroangestellte im Allgemeinen, Journalisten. Und da die anderen, den Busfahrer, die Supermarktangestellte, die Oberärztin, den Pfleger – nix da mit Homeoffice.

An die 1000 Bürobeschäftigte wurden in den Monaten Juni, August und Oktober 2020 befragt, und das Ergebnis mag den einen oder die andere überraschen, aber: Die Realität Homeoffice und die Wahrnehmung in der Gesellschaft klafft weit auseinander. Überraschend zum Beispiel ist die Erkenntnis, dass bereits vor Ausbruch der Pandemie weit mehr Menschen zu Hause arbeiteten als angenommen. Ebenfalls vielleicht anders erwartet: Wissensarbeit lässt sich weit weniger umfangreich von zu Hause erledigen als angenommen. Mehr als ein Drittel der Studienteilnehmenden gab an, zu Hause weniger produktiv zu sein als im Büro. Diese Tatsache nahm im Laufe des Corona-Jahres weiterhin zu.

Zu Hause mein eigener Chef

Woran liegt das? “Wie Menschen wohnen, sagt viel darüber aus”, so Professor Andreas Pfnür, Leiter des Fachgebiets Immobilienwirtschaft und Baubetriebswirtschaftslehre, “ob Homeoffice funktioniert. Die Wohnsituation ist aussagekräftiger als die Art des Jobs oder die Anzahl der Kinder.” Was bedeutet das? “Das bedeutet, dass es auf die Lage und Ausstattung der Wohnsituation ankommt.” Kann man also sagen, je zufriedener man mit seinem Zuhause ist, desto besser läuft Homeoffice? Sicherlich schon. Martin Eckert, der auch schon bei Gilette, Fissler und Tupper arbeitete, glaubt: “Das Gute an der jetzigen Krise ist, dass Menschen im Homeoffice das Gefühl dafür bekommen, eigenverantwortlich zu sein. Mein Gefühl ist, dass man autonomer entscheidet, sich die Zeit besser einteilt und es genießt, dass einem niemand ständig über die Schulter guckt. Vielleicht führt das dazu, dass einige Menschen so ein bisschen mehr Selbstwertgefühl verspüren. Da ist man ein bisschen mehr sein eigener Chef.”

Diese Einschätzung wird von der TU Darmstadt bestätigt: Wenn es um komplexe und vielseitige Aufgaben geht und eine höhere Autonomie, dann steigt der Arbeitserfolg im Homeoffice. Zudem sind ältere, besserverdienende und beruflich erfahrene Beschäftigte erfolgreicher im Homeoffice im Vergleich zu jüngeren, unerfahrenen Beschäftigten, so die Studie, ebenso verhält es sich mit Vollzeitkräften im Vergleich zu Teilzeitkräften.

Schwieriger wird es, wenn die Wohnsituation so gar nicht fürs Homeoffice gemacht ist. Oder wenn man Single ist – laut Uni Darmstadt ein Faktor, der das Arbeiten im Homeoffice besonders erschwert: “Die direkte soziale Interaktion, Lernen von Älteren und Karrierechancen sind im Homeoffice weniger ausgeprägt”, erklärt Pfnür. Und wenn die Identifikation mit der Arbeit wegfällt, ist das der Zufriedenheit im Job wiederum nicht zuträglich.

Vorwerk Deutschland Vorstand Martin Eckert gibt zu: “Ich bin tatsächlich kein so großer Freund von Homeoffice, es ist ein bisschen wie mit dem Mobiltelefon: Da hat man den Menschen auch eingeredet, dass es die größte Freiheit sei, überall und immer telefonieren zu können und erreichbar zu sein, dabei ist es doch die größte Fußfessel überhaupt.” Er weiß natürlich, dass die Dinge sich momentan nicht ändern lassen und sagt: “Ich persönlich arbeite sehr gerne, deswegen ist es für mich kein Thema, wenn ich mich auch zu Hause mit meinem Beruf auseinandersetze. Aber es gibt ja durchaus Menschen, die nicht zu Hause arbeiten können oder auch Jobs, die nicht von zu Hause gemacht werden können.”

Zweiklassengesellschaft

Die Studie der Uni Darmstadt zeigt, dass Büroarbeit tatsächlich nicht beliebig outgesourct werden kann. Klassische Büros, und das ist beruhigend für Arbeitgeber und Immobilienwirtschaft, werden wohl weiter Bestand haben. Wichtig wird es für die Zukunft sein, die Chancen der Arbeit von zu Hause aus zu erkennen und wahrzunehmen. Der Leiter der Studie, Andreas Pfnür: “Ohne einen aktiven Change-Prozess drohen die Risiken des ‘Work from home’, die die empirischen Daten unserer Studie offenbaren, überhandzunehmen.”

Eine Welt, die sich im Homeoffice befindet, kann soziale Verwerfungen nach sich ziehen, der Weg in die Zweiklassengesellschaft ist geebnet. Auf der einen Seite Beschäftigte, die in attraktiven Jobs komfortabel zu Hause arbeiten können, auf der anderen die, die in schlechteren Verhältnissen im Homeoffice weniger erfolgreich sind.” Und Vorwerk-Mann Eckert rät: “Die Abgrenzung zwischen Privatleben und Arbeit wird schwieriger, dazu braucht man Energie und auch Mut. Zu sagen, ‘so jetzt bin ich wieder privat’, dürfte vielen gar nicht so leichtfallen.”

Homeoffice als Statussymbol?

Ist Homeoffice damit auf dem Weg, eine Art Statussymbol für Gewinner der neuen Arbeitswelt zu werden? An den Empfehlungen, wie das zu verhindert werden könnte, arbeiten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler derzeit. Unter anderem wollen sie Daten aus dem internationalen Raum auswerten. Die Erkenntnisse der Studie werden für Arbeitgeber, Politik, Immobilienwirtschaft und Stadtplanung von großem Interesse sein.

Zum Schluss aber eher versöhnliche, positive Gedanken: Wir alle sehnen uns nach Normalität, auch wenn wir in Zukunft mehr die Ressourcen schonen wollen, mehr zoomen als fliegen, mehr Fahrrad fahren als Auto, mehr kochen als aufwärmen, uns eher ein teures Küchengerät leisten als einen Kurztrip. Wie gern würden wir essen gehen, aber es geht eben – noch – nicht. Dann wenigstens hin zum Echten, zum Selbstgemachten, Martin Eckert? Er lacht: “Mein neues Lieblingsrezept sind Kichererbsen auf Currysoße. Sie dürfen gern lachen, aber das mach’ ich – relativ nebenbei – natürlich mit meinem Thermomix, genauso wie das beste Risotto, Eis und Salat.”

Quelle: ntv.de

CEVAP VER

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